Ein Reisebericht (ersetzt nicht den käuflich zu erwerbenden Reiseführer)
Marokko, kein ausgefallenes Ziel, zugegeben. Aber das Königreich ist es wert, erwähnt zu werden. Ziel war die West-Sahara, Startpunkt die Hafenstadt Tanger an der Straße von Gibraltar. Fortbewegt wurde sich mit einem mittleren LKW.
Die Fähre
Wer sich nicht zu fein ist, Zeit und Sprit und genug Koffein dabei hat, sollte sich die Überfahrt von Tarifa gönnen. Zwei Tage Fähre können nerven, nicht nur, dass es dort kein Casino oder andere westliche Vergnügungseinrichtungen gibt. Die Einfahrt in den Bauch des Schiffes allein ist schon ein Erlebnis. Es wird gequetscht und gedrängt und wenn man nicht aufpasst, kommt man nicht mehr an seine Sachen, weil die Karre komplett zugestellt ist.
Defekte Toiletten auf der Kabine, die Klimaanlage liefert die gasförmige Vorfreude auf die nächste Mahlzeit, es war ein lustiges Ratespiel. Kabine gab es von XS bis M. Ich will gar nicht wissen, wie es in der Holzklasse aussah.
Duty Free, juhu. Aber den Stoff kann man sich erst kurz vor Ende der Fahrt abholen. Die Hotelbar will schließlich auch verdienen. Dort gibt es Alkohol! Der Wodka schmeckte nach Gin und von sauberen Gläsern habe ich mich längst verabschiedet. Was bleibt einem denn noch! Trinken, Rauchen und arabisches TV. Und zwischendurch völlig sinnfreie Evakuierungsübung. Die Mannschaft trug Westen und die Sirene pfiff ihr lustiges Lied, der Rest schaute dumm und trank weiter.
Der Zoll
Stundenlanges Warten im Hafen von Tanger, scheinbar willkürliches Absuchen von Fahrzeugen nach Schmuggelgut, Formulare stempeln und ausfüllen lassen und weiter auf den hoffentlich wohlgesonnen Zollbeamten warten. Und überall Menschen, die dort scheinbar arbeiten, dir erzählen, dass irgendwas mit deinen Papieren nicht stimmt und die Hand aufhalten. Nicht darauf einlassen!
Was sollte man nach Marokko schmuggeln wollen? Haschisch? Haha. Na gut, zu viel Zigaretten und Schnaps, aber irgendwie muss man ja überleben. Nach drei Stunden in der Innenstadt, nichts wie raus.

Die Fahrt
Supermarkt an der Stadtgrenze, Wasser, genug für ein Planschbecken, Tonic für den Schnaps. Nahrungsmittel als Alibi.
Übernachten unter dem Auto? Nee, ich penn im Führerhaus. Böser Fehler, Ganzkörperschmerzen in allen Gelenken und Organen, die es gibt und zukünftig geben wird.
Vorher Gasgrill auf der nicht schlecht ausgerüsteten Raste an der Autobahn Richtung Casablanca ausgepackt, den ergatterten Duty-Free-Schnaps gegönnt.
Casablanca, ein Moloch mit Dunstglocke. Die Marokkaner fahren nach unseren Maßstäben schlecht bis MPU-verdächtig Auto und scheinen zu denken, dass die Hupe das Fahrzeug schneller macht. Hier unbedingt Nerven behalten, Augen überall und nicht nachgeben. Zebrastreifen sind nur dazu da, um das Grau des Straßenbelags optisch zu durchbrechen. Polizisten pfeifen auf den Kreisverkehr, die Zustände der Autos entsprechen in der Regel den Fahrkünsten ihrer Besitzer.
Hotel, ein echtes Klo (Standard ist das Loch im Boden!), eine Dusche, eine BAR! Ein befreundeter Taxifahrer (Danke Rudi!) macht uns die Tour durch die Nacht. Durchschnitt ist 100 km/h und zwei Drinks je Bar oder Club.
Wann haben wir eigentlich das letzte Mal was gegessen? Hm, ok, holen wir morgen nach.

Frühstück ist Standard: Weißbrot, Butter und Marmelade und Kaffee vom zweiten Aufguss.
Auf die Straße, diesmal zu Fuß. Meine Begleitung will sich den Kopf scheren lassen, also ab zu „l’estetique“ in der Rue Colbert 16. Er kriegt eine Maniküre dazu und meinen Hohn obendrauf. Ich begnüge mich mit einer Gesichtsrasur, die mir das Gefühl gibt, als hätte ich aus dem Jungbrunnen getrunken. Nehme mir vor, zuhause das Rasieren mit dem Messer zu lernen.
Essen gegenüber, gegrilltes Huhn, da macht man nichts falsch. Etwas Kino nebenbei, die Sécurité nationale (Zivilpolizei) führt einen Bettler ab, er stand wohl an der falschen Stelle.
Aufsitzen! Wir haben Zuwachs bekommen, jeder hat nun einen eigenen Untersatz. Bedenken gegen Sekundenschlaf für den Trip gehen unter, keine Schlafattacke auf insgesamt 5000 km!
Tankstellen gibt es genug, sogar für unsere durstigen Gespanne. Benzin beläuft sich auf ca. einen Euro pro Liter, Diesel auf 75 Cent. Am Ende der Fahrt hatten wir sogar nur 50 Cent für den Liter Diesel. Die Autobahn ist irgendwann zu Ende, schlechte Landstraßen entlang des Atlantiks führen uns weiter ans Ziel. Sehenswürdigkeiten gibt’s keine mehr, Marrakesch wird rechts liegengelassen, Agadir knapp geschnitten, Westsahara, wir kommen!
Das kleine Atlasgebirge eröffnet tolle Optiken, aber aufgrund der Straßenverhältnisse und der entgegenkommenden Vierzigtonner bleibt für ein „Ah“ oder „Oh“ keine Zeit. Haarige Situationen, abgerissene Leitplanken an Abgründen, glühende Bremsen der Brummis und nervendes Aufblenden der Entgegenkommenden. Das ist ein Mittel, um in der Nacht sicherzustellen, dass der Andere noch wach ist. Dumm nur, dass ich den Schalter für das Fernlicht nicht gefunden habe und bei meinem Vorausfahrenden gab es nur das Flutlicht, dass dann abgeklebt wurde, um den Eindruck einer normalen Beleuchtung zu erwecken.
Wir entschließen uns, die Nacht vorbeiziehen zu lassen und suchen uns ein Stück Wüste im Flachland und ziehen die Isomatten unters Auto.
Kurz vor Ende
Die Zivilisation dünnt merklich aus, die Straßen haben weniger Kurven und das Land verliert an Höhenunterschieden. Man ist allein mit dem Auto, dem Gegenverkehr und einigen Kamelen. Vor allem aber mit sich selbst. Defragmentierung und Systemfehlerbeseitigung ist angesagt. Dazu Wasser, Wasser und Kippen. Irgendwann freut man sich, dass der Tank wieder leer ist, dann ist es auch Zeit für die einzige Mahlzeit des Tages. Es gab Omelette oder Tajine, Huhn oder Lamm mit Gemüse, in einem geschlossenen Tontopf über offener Flamme gegart. Dazu süßen Tee. Der hilft dir über jeden Berg.
Polizeiposten vor und manchmal auch hinter jeder Stadt, an jeder großen Kreuzung auf dem Land. Pass zeigen, wo will man hin, wo kommt man her, was ist der Beruf. Schwache Versuche, einem die Kohle aus der Tasche zu ziehen oder dich dazu zu bringen, denen die Sonnenbrille zu schenken. Ein Tipp: An den Kontrollen nicht auffallen, Musik aus, Brille vom Kopf nehmen, ernsthaft bleiben. Das hilft, schneller wieder weg zu kommen.
Ankommen
Nach 16 Stunden im Auto, weggelassenen Mahlzeiten und Rückenschmerzen morgens um zwei Uhr Ankunft im Camp. Begrüßung mit kaltem Dosenbier, Marke „STORK“.
Da sein
Acht Tage in der Lagune. Sand, der, vom Wind getragen, deine Waden permanent sandstrahlt. Der Horizont trennt die Aussicht exakt in der Hälfte, das Wasser schreit in sämtlichen Blautönen, sonst schreit keiner. Das Wasser in der Unterkunft stinkt nach faulen Eiern, es stammt aus einer Schwefelquelle ganz in der Nähe. Mehr gibt es nicht zu erzählen. Fahrt doch selbst dahin!
Abfahren
Alle anderen sitzen im Flieger und sind längst daheim, wenn wir noch nicht mal gestartet sind. Die Fahrt ist das Ziel, versuche ich mir einzureden.
Der Rückweg geht leichter von der Hand, nur macht mein Untersatz Probleme, Korrosion der Elektronik führt zu einem Pannenstopp bei 45 Grad in der Wüste und der Motor leidet unter Leistungsabfall. Man quält sich nach Laâyoune, der größten Stadt der Westsahara, und checkt in einem Hotel ein. Der Parkplatz ist umringt von Polizei, Militär und Hotel-Security. Es scheint die komplette UN für Afrika hier zu wohnen!
Begegnung mit einem alten UN-Funktionär in der Hotelbar, betrunken und schimpfend über die Stelle, die er seit zehn Jahren einnimmt und den Job, den er seit 36 Jahren hat. Ich habe das dringende Bedürfnis, Frischs „Homo Faber“ zu lesen – oder selbst einige Kurzgeschichten zu verfassen.
Auf dem Weg in die Zivilisation begegne ich einem umgekippten Eselskarren im Straßengraben, der Esel ist noch dran und macht sein finales Nickerchen. Der Aufenthalt an den Polizeiposten ist erstaunlich kurz, man sieht bekannte Gesichter, hält an, grüßt ab und fährt weiter.
Eine seltsame Erscheinung, die ich auf der Hinfahrt nicht einordnen konnte, erwies sich nun als angekohltes und ausgehöhltes Kamel. Ich schau auf die Straße und denk an was Schönes.
Aufgrund der Pannen verpassen wir die Fähre, also zwei Tage Zwangspause in Tanger. Ab in den Souk, die Altstadt. Tinnef für Touristen, gefälschte Schuhe für modebewusste Touristen, für uns Café au lait auf der Straße und herrliches Kino. Touristengruppen mit Führer verstopfen die engen Gassen und ziehen kometenschweifartig fliegende Händler hinter sich her. Interessant zu sehen, wie die Gäste des Landes versuchen, die lästigen Angebote möglichst professionell abzulehnen oder zu ignorieren. Mich nerven nur die Haschischhändler unten auf der Promenade.
Hervorragendes Essen im Zoco Chico auf dem Souk Dakhel. Ein kurzes Shopping, man will ja nicht mit leeren Händen nach Hause kommen.
Die Fährsituation ist der der Hinfahrt nicht unähnlich, nur ist das Schiff unterbelegt. Man will seine Ruhe, Rückzug in die Kabine mit unglaublich süßer Coke, Chips und Filme von Festplatte. Sackstand, keine Lust auf Mief und Enge. Zweimal schlafen und man ist zum Frühstück wieder in der EU.
Der Zoll winkt uns durch, es gibt scheinbar nichts zu beanstanden. Ich schnappe Schlagzeilen auf: „Die deutsche Politiklandschaft bröckelt.“, „Köhler kann keiner mehr leiden.“ Endlich wieder echte Probleme.
-Daniel-