Liebe Lebenden, Der SLEAZE Plattenteller dreht sich. Heute sogar in die unterschiedlichsten Richtungen. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut und euch ein fantastisches 4-Band Menü zusammengestellt. Alle Meister ihres Fachs, Legenden und Helden. Aber, hört selbst. Da gehts von gutem, handgemachtem Rock (The Fog Joggers) über Synthie-Pop (Teenagers in Tokyo) erst zu Ironie-Punk (Stakeout) dann zu Pogo-Punk (Kotzreiz). Die Palette der Farben die euch hier aufgetischt werden ist breit und bunt, um das mal im Wohnzimmer zu erleben seien euch folgende Platten empfohlen. The Fog Joggers – To Strangers and Friends EP VÖ: 06.08.2010 PPR | Finetunes Indierock Das Rezept klingt nicht neu, sondern eher nach Muttis altem Kochbuch: vier normale deutsche Indie-Typen Anfang zwanzig, ein englischer Bandname, eine markante Stimme und ein bisschen Rock `n Roll, Blues, Pop, Indie und Orgel. So weit so gut. The Fog Joggers sind genau das. Vergleiche mit den jungen Stones wirken eher belastend als hilfreich. Die Musik der Herren aus dem Ruhrpott ist melodisch und bestens arrangiert. Nach ihrer 2008er Mini-Veröffentlichung „Autumn Girl“ folgt nun diese Debüt-EP: „To Strangers and Friends“ klingt gereift und dennoch nicht ganz fertig. Beim Hören fehlt mir der Höhepunkt, der Kracher, der Ohrwurm ohne den es schwer werden dürfte sich gegen die gut aufgestellte Konkurrenz á la Kilians oder The Picturebooks durchsetzen zu können. Die Tracks „Tonite Tonite“ und „Friend of a Friend“ gehen in die Richtung, explodieren auf der Platte allerdings nicht so wie es die Jungs vielleicht live umsetzen können. Musikalisch und textlich gibt es kaum etwas hinzuzufügen. Sänger Jan Büttner scheint für diesen Sound geboren; seine Gitarre, Stephan Selbachs Bass, Ben Kronskis Schlagzeug und Christian Peitz` Orgel sind gut-dosiert eingesetzt, wirken nie überzogen oder überladen. Die Texte sind eingängig und stolperfrei. Bestes Beispiel dafür ist das fünfte und letzte Stück der EP. „Waterfalls“ kommt als bluesbeladener Rocksong daher, der an die ganz großen der letzten Jahre erinnert. Die Vorbilder der Band sind gut gewählt: ein wenig Strokes, Kings of Leon, 60`s Rock und Indie-Anleihen. Einmal nach Muttis Rezeptebuch in den Topf und rühren. Das ist gut, aber eben noch kein 5-Sterne-Menü. Gut so, Luft nach oben schützt vor Stagnation. „To Strangers and Friends“ ist ein fabelhafter Vorgeschmack auf die hoffentlich bald erscheinende Platte der vier Rheinländer und eine absolute Empfehlung für all jene, die in zwei Jahren nicht im Club stehen wollen und sich fragen, wo sie waren als The Fog Joggers zu einer der besten deutschen Indiebands wurden. Schon jetzt groß. julian. Stakeout – Geschenke an die Welt VÖ: 30.07.2010 Volksmusike Punk “Was willst du mir erzählen kleiner Wurm, ich laufe nicht, ich schwebe. Ich bin ein Geschenk an die Welt, sei dankbar, dass ich lebe.“ Stakeout, Punk aus Berlin. Ich lege die Platte zum ersten Mal ein. Klingt nach einem Mix aus den Ärzten („Alle anderen außer mir“), einer härteren Version von Virgina Jetzt! („Ich, Trottel“), Mutabor („Du bist nicht lustig“) und der neuen deutschen Rockszene („Eisberg 1, Titanic 0“). Ganz nett, ich mach mal wieder aus. Tage später. Anlage an. Ein bisschen lauter als beim ersten Mal. Die Texte sind eingängig, wirken aber im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Möchtegernrockern á la Revolverheld & CO. nicht platt und verkrampft. Die Ironie der Texte sowie der bitterböse Humor paaren sich mit klassischem Punk, Pogo und Bläsermelodien. Teilweise sozialkritisch und anklagend („Märchenwelt A.D.), mal rein unterhaltend („Leider Nein, Sabrina“). Drittes Mal einlegen. Die Texte sind gespickt mit Zitaten aus der hiesigen Popkultur – das hat mehr Tiefgang als angenommen, das gefällt mehr als gedacht, das ist besser als die derzeitige Konkurrenz. Die Platte will ich live hören, noch lauter. julian. Teenagers in Tokyo – Sacrifice VÖ: 16.07.2010 Backyard | ADA | Rough Trade New Wave Synthesizer und Gitarren. Elektronisch und rockbar. Das hat gut funktioniert in den letzten Jahren. Mit Teenagers in Tokyo kommt die nächste New Wave Entdeckung um in die Kerbe zu hauen. In der Szene bekannt als Vorband zu CSS, deren Ähnlichkeit man den jungen Newcomern nicht absprechen kann, ist die Musik jedoch ein weniger poppiger, klingt nach mehr Disko. Der Track „Peter Pan“ läuft schon in den Clubs und weitere werden wohl nicht auf sich warten lassen. Musikalisch spielen die Teenagers in Tokyo da nicht mit dem Feuer. Sie machen das was sie können gut, einen Mix aus allem was in den letzten Jahren „Indie“ war: oben genannte CSS, Ladyhawke, New Young Pony Club und Le Tigre um nur einige zu nennen, die auf die gleiche Weise ihre Brötchen backen. Interessant an „Sacrifice“ ist die atemberaubende Stimmung, welche jedes Lied zu erzeugen weiß. Sängerin Samantha Lim wirkt inmitten dieses Elektro-, Synthie-, Trommelgewitters fast schon eingeschüchtert, singt Texte voller Unsicherheit, Lebensfreude, Ehrlichkeit und Angst. Beeindruckend wirkt hierbei die nahezu beispielslose Vielfalt mit der sich die Teenagers in Tokyo in jedem Lied präsentieren. Musikalisch nicht ganz großes Tennis also, vom Gesamteindruck aber zumindest ein Wimbledon-Finale. Nach der 2008er Debüt-EP „Teenagers in Tokyo“ also endlich wieder neues, auf Platte gepresstes Material um die Band, welche bei aller elektronischer Disko-Schminke auf Tiefgang nicht verzichten will. julian. KOTZREIZ – Du machst die Stadt kaputt VÖ: 06.08.2010 Aggressive Punk| Edel Punk Es gibt Punk und es gibt Punk. Beide schreiben sich identisch und sind doch grundverschieden. Sie gleichzusetzen wäre so, als würde man Bob Dylan mit Howard Carpendale vergleichen, den Libanesen an der Ecke fälschlicherweise als Ägypter bezeichnen oder ein Bier bestellen und eine Apfelschorle bekommen. Geht gar nicht. Die sympathisch benannte Berliner Band Kotzreiz vertritt eine Art von Punk, die es seit den späten 80ern (ob nun zum Wohle oder Übel aller) alle Jahre mal gab, die seit der großen Brit-Rock Bewegung des neuen Jahrtausends aber kaum noch ein breites Publikum anspricht: der Auf-Die-Fresse-Bier-Saufen-Pogo-Moshpit-Nasenbluten-Ekel-Mir-Egal-Punk. Die Message ist klar, gegen Nazis, gegen das System, gegen Bauarbeiter und Stadtveränderung, gegen Hansa Rostock und gegen Emos – für Bier, für Berlin, für Fußball, für Bier, für Punk, für Bier. Letztendlich ist das Album in sich wirklich stimmig. Die drei jungen Berliner versuchen nicht ein einziges Mal ihre Punkattitüde abzuschütteln um durch eine popkompatiblere Nummer oder gar einen Schmusesong eine Massentauglichkeit zu schaffen. Auf „Du machst die Stadt kaputt“ findet der Liebhaber 14 direkte, ungeschönte, laute, krachende und treibende Punknummern. Über mehr als vier Akkorde („Kotzreiz“) wird nur selten nachgedacht, die Texte sind in gewohnter Dosenbiermanier leicht gehalten („Saufen“) , avancieren zu Großstadt-Hymnen („Berlin“) die man bereits beim zweiten Hören mitsingen kann. Auf der Bühne dürfte es Kotzreiz daher weniger darum gehen, ihre Nachricht zu verbreiten, sondern Spaß mit dem Gesocks zu haben, das ein oder andere Bierchen in der Menge zu verteilen und sich anschließend die Fußball-Ergebnisse anzusehen. Das ist Punk. Den muss man mögen, oder meiden. In jeden Fall jedoch nicht zu ernst nehmen, das zwinkernde Auge singt mit („Candlelight Döner“). Schwangeren, Cholerikern, Christdemokraten und Justin Bieber würde ich vom Kauf der Platte abraten, da sich beim Hören und Pogen die eine oder andere Platzwunde auftun könnte. julian.
SLEAZE Plattenteller #4, heute: The Fog Joggers, Teenagers in Tokyo, Kotzreiz, Stakeout
By Julian on Juli 26, 2010






















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